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Christliche Kunst - weltweit: Gelungene Inkulturation oder Kitsch   

ite – Die Eine-Welt-Zeitschrift – weltoffen – franziskanisch – engagiert

Liebe Leserinnen und Leser,

«Christliche Kunst»? Dabei denken wir vielleicht an die Sixtinische Kapelle im Vatikan. Oder, wenn wir es einfacher haben wollen, an die berühmte Herz-Jesu-Darstellung, die auch bei uns zuhause in der guten Stube hing. Wenn es um Statuen geht, fällt uns vielleicht der einzigartige David ein, der in Florenz steht und als die bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte gilt. Oder, wiederum etwas einfacher: Wir erinnern uns an Grabsteine mit sorgfältig gestalteten Figuren von Engeln oder des Auferstandenen.

Kurz: Kunst, auch christliche, gehört für uns zum europäischen Kulturraum. Nur selten denken wir dabei an Werke aus andern Kontinenten. Unser Heft will hier eine Lücke füllen. Es trägt den Titel «Christliche Kunst …. weltweit».Im Vordergrund steht Kunst aus dem «Globalen Süden», bis vor kurzem «Dritte Welt» genannt. Einheimische Künstler drücken christliche Inhalte in Bildern aus, die mit ihrer eigenen Kultur zu tun haben. (Eine Ausnahme in diesem Heft: Die Massai-Kunst, die von der Deutschen Karin Kraus geschaffen wurde, aber ein authentischer Ausdruck der afrikanischen Nomadenwelt darstellt.)

Wir verschweigen nicht, dass einheimisches Schaffen nicht bei allen ankommt. Zum Beispiel haben mir Missionare erzählt, dass Afrikaner die Krippenfiguren mit schwarzen Gesichtern auf den Estrich gestellt haben, um sie mit Figuren aus Oberbayern oder Tirol zu ersetzen …

Ein weiteres Beispiel: Während eines Besuchs im «hintersten Busch» von Nord-Tansania traf ich Gäste aus Bayern, die dem Bischof für sein Ordinariat ein kitschiges Bild mitgebracht hatten, wie es in den Schlafzimmern unserer Grosseltern hing. Die Afrikaner empfanden dieses Bild als «schön».

Bei all dem steht die Überzeugung, dass das, was aus dem Norden kommt, mehr wert ist als das Eigene. Mit unserer Nummer hoffen wir, auf eine winzig-kleine Art etwas Gegensteuer geben zu können. Wenn die Menschen in Afrika, dem Nahen Osten, Asien oder Lateinamerika erfahren, dass ihr Kunstschaffen auch anderswo geschätzt wird, kann dies zu einer Aufwertung ihrer Kultur beitragen.

Herzliche Grüsse

Walter Ludin, ite-Chefredaktor